stellst sich mir erst mal so die Frage welche deutsche Fassung Du gelesen hast? Das könnte nämlich auch eine Rolle spielen in den Inhalten....
Ich habe die Textfassung von der Digitalen Bibliothek-CD gelesen; müsste somit der Hartleben-Text sein.
Die Ungereimtheiten bei der Lebensgeschichte von Jeanne waren mir auch irgendwie aufgestossen. Ich meine aber bei genauerem Nachlesen die Zusammenhänge verstanden zu haben - ich glaube die "Daten" sind sogar über zwei Abschnitte im Buch verteilt und fügen sich erst dann zusammen wenn man sie miteinander in Vergleich setzt. Hab ich jetzt irgendwie so in Erinnerung.
Nun habe ich mich doch noch einmal hingesetzt und die betreffenden Textstellen rausgesucht:
"Zwei bis drei Wochen vor der 1870er Kriegserklärung hatten Familienverhältnisse Frau von Kermor genöthigt, nach Martinique zu reisen. Hier erblickte Jeanne das Licht der Welt. Trotz des Kummers, der ihn über den Verlauf des Feldzuges bedrückte, freute sich der Oberst doch herzlich über die Geburt dieses Kindes. Hätte ihn die Pflicht nicht zurückgehalten, so wäre er zu Gattin und Kind nach den Antillen geeilt, um beide nach Frankreich heimzuholen." (2.Band, 1.Kapitel)
"Er [Oberst von Kermor] kannte Jeanne ja nicht einmal, da er Martinique kurz vor ihrer Geburt hatte verlassen müssen." (2.Band, 13.Kapitel)
Für mich las es sich so, dass nur die schwangere Frau von Kermor nach Martinique gefahren ist (nur sie wird explizit erwähnt) und der Oberst aufgrund des Krieges in Europa blieb (1.Zitat). Im 2.Zitat ist der Oberst definitiv von Martinique nach Europa zurück gekehrt.
Aber - ich gebe dir Recht Bernhard - es muss sich nicht unbedingt ausschließen, dass der Oberst seine Frau nach Martinique gebracht hat und dann allein zurückgefahren ist.
Bei der Geburt von Jeanne war er aber auf keinen Fall dabei.
Die Kritiken an Vernes Äußerungen über Ureinwohner muß man differenzierter betrachten. Verne stützt sich hierbei im Normallfall auf zeitgenössische Quellen und Berichte, und die waren aus unserer heutigen Sicht genauso wenig objektiv - wie hätte er also etwas anderes schreiben können? Bzw. Wo hat er sinngemäß geschrieben nicht missionierte Indianer gehören ausgerottet? das hätte ich gerne mal belegt, v.a. um es mit dem französischen Originaltext zu vergleichen. Wenn die Aussage so nämlich stimmt, dann sind dies oft Formulierungen der Übersetzung und nicht was JV tatsächlich geschrieben hat....
Gruß
B.
Ich kann hierzu folgende Textstelle anführen:
"Seine [Pater Esperante alias Oberst von Kermor] Begleitmannschaft bestand aus hundert Guaharibos, die für der Gebrauch moderner Feuerwaffen besonders eingeübt waren. Die wackern Leute wußten, daß sie gegen die Quivas, ihre langjährigen Feinde, in den Kampf gingen, doch nicht allein, um diese zu zersprengen, sondern sie bis auf den letzten Mann auszurotten." (2. Band, 12. Kapitel)
Ein Verbreiter der christlichen Nächtenliebe führt seine Gemeinde (bereits missionierte Indianer) mit überlegener Waffengewalt, gegen einen andern, noch nicht bekehrten Indianerstamm, um diese "auszurotten"; und als Motiv führt er u.a. eine alte Indianerfeindschaft an.
Wie gesagt, auch ich weiß, dass man nicht jede Äußerung und Wertung Vernes bezüglich der jeweiligen Urbevökerung mit unseren heutigen Maßstäben messen kann und darf, zumal er seine Informationen auch nur aus zweiter oder dritter Hand hatte. Aber auch andere Schriftsteller der damaligen Zeit (z.B. Karl May) hatten bereits eine differenzierte Ansicht und Einstellung und waren nicht in der kolonistisch geprägten Denkweise der Jahrhundertwende gefangen bsp. haben dieser sogar entgegen gewirkt. Gerade in "Der stolze Orinoco" wird diese reaktionäre Denkweise aber meiner Meinung nach sehr vordergründig und plakativ verwendet, wenn Verne von der katholoischen Missionierung als einzige Chance für die Indianer spricht, der Verelendigung und "Entartung" zu entkommen und den Missionären dafür jedes Mittel zugesteht.